Der Lyriker Egon Schiele
Schiele erreichte während seines kurzen Lebens einen beachtlichen Bekanntheitsgrad in Wien. Sein Werk geriet nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Europas nach dem ersten Weltkrieg in Vergessenheit – sowohl sein bildnerisches Werk, als auch seine eindringlichen Gedichte und Briefe, die seine Bilder widerspiegeln.
Im kleinen, aber feinen Bildband „Der Lyriker Egon Schiele“ werden ausgewählte Kunstwerke von Egon Schiele seinen Gedichten und Briefen gegenübergestellt, die noch nie veröffentlicht wurden. Schieles Bilder im Kontext seiner eigenen Schriften zu erleben, ermöglicht einen neuen, tiefgreifenden Einblick in seine Gedankenwelt, die von leidenschaftlicher Auseinandersetzung mit Leben und Tod, der Vergänglichkeit, Liebe und Erotik geprägt war.
Alle Briefe und Gedichte sind nach Möglichkeit in originaler Größe reproduziert und vermitteln durch die ungekürzte und unverfälschte Wiedergabe auch einen Blick auf das für damalige Zeiten typisch expressionistisch anmutende Schriftbild Schieles.
Nicht nur gemalte Selbstporträts waren für Egon Schiele von großer Bedeutung. Er hat "Selbstbilder" auch in Worte zu fassen versucht. „Ich bin für mich und die, denen die durstige Trunksucht nach Freisein bei mir alles schenkt, und auch für alle, weil alle ich auch liebe, - Liebe", heißt es etwa.
Das Ringen um Ausdruck, der Versuch die Oberfläche zu durchdringen und Verborgenes zum Vorschein bringt, kennzeichnet die Gedichte ebenso wie die Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde, die ihnen gegenübergestellt werden.
Der enge Zusammenhang wird etwa bei Schieles Beschreibung des "Weissen Schwans" deutlich: "einen moosriechenden schwarzumrandeten Parksee" sieht er, und „im Regenbogenfarbenschaum der hohe, ruhige, runde Schwan." Wenn er in einem Selbstbild kaum weiß, wohin mit dem "süssesten Lebensüberschuss", der "aufgeregten Lust" und der "Qual des Denkens", dann scheint seine Phantasie beim Schreiben ebenso sprühend, wie sie es auch bei seinen Bildern ist.
Zahlreiche Abblidungen von Schiele Bildern runden das die Gedichte Schieles nicht nur optisch perfekt ab. (M. Vanecek-Pelz)
Egon Schieles Gedicht: Ein Selbstbild, 1910
Ich bin für mich und die, denen
Die durstige Trunksucht nach
Freisein bei mir alles schenkt,
und auch für alle, weil alle
ich auch Liebe, - Liebe.
Ich bin von vornehmsten
Der Vornehmste
Und von Rückgebern
Der Rückgebigste
Ich bin Mensch, ich liebe
Den Tod und Liebe
Das Leben.
Info:
Der Lyriker Egon Schiele, Briefe und Gedichte 1910-1912 aus der Sammlung Leopold
Prestel Verlag, 2008
143 Seiten, 39,95 Euro



