Annie Leibovitz: At Work
Annie Leibovitz, die berühmteste lebende Photographin der Welt, hat für ihr neues Buch selbst zur Feder gegriffen, um ihre Erinnerungen festzuhalten, die sich mit ihrer Arbeit an den großen photographischen Bildern verbinden, denen sie ihren Weltruhm verdankt. Das Buch enthält 90 Leibovitz-Geschichten zu ebenso vielen großen Leibovitz-Photo-Ikonen.
Sie würden alles für den perfekten Schuss geben. Kate Winslet tauchte x-Mal in ein Becken mit eiskaltem Wasser, Clint Eastwood ließ sich fesseln, und Demi Moore ließ hochschwanger alle Hüllen fallen - und provozierte damit einen Skandal. Und das alles nur für Annie Leibovitz, die zu den besten Fotografinnen der Welt zählt und mit vielen Stars sehr eng befreundet ist. Wie es sich anfühlt, auf den Auslöser zu drücken und nicht den richtigen Moment zu erwischen, weiß Leibovitz selbst am besten.
So wie an jenem Tag, als sie im White Drawing Room im Londoner Buckingham Palace die Queen ablichtete: "Der Palast gab mir 25 Minuten für das Shooting". Nicht gerade viel Zeit für eine Fotografin, die es gewohnt ist, Tage oder sogar Wochen mit ihren Kunden zu verbringen. "Ich war, was nur selten vorkommt, sehr nervös". Doch dann ließ die Queen alles professionell über sich ergehen. "Sie wartete, bis ich alle Bilder im Kasten hatte. Erst dann stand sie auf, bedankte sich höflich und ging fort. Ich werde diese Begegnung niemals vergessen."
Leibovitz ist eine Dompteuse berühmter Menschen, die von Mick Jagger bis zu Nicole Kidman alle Stufen menschlicher Exzentrik gezähmt und schließlich in bleibende Bilder gegossen hat. Sie reflektiert dabei Möglichkeiten und Grenzen der Portraitphotographie als Kunst, als Karikatur und als Handwerk.
Über Arnold Schwarzenegger, den sie 1988 in weißen Reiterhosen, mit nacktem Oberkörper und Zigarre auf einem weißen Pferd, sagt sie in ihrem Buch: „Damals dachte ich 'hübsches Bild', aber es gewinnt eine andere Qualität mit der Zeit. Jetzt denke ich Arnold auf einem Pferd ist unglaublich komisch - sein Oberschenkel sieht aus wie der Schenkel des Pferdes.“
Zu dem eindringlichen Porträt der Sängerin Patty Smith, aufgenommen in ihrem New Yorker Studio 1996, erinnert sie sich: „Patty wanderte an diesem Tag etwas depressiv durch die Strassen und kam rein zu einer Tasse Kaffee. Sie ist 'the real thing', authentisch. Jedes Mal, wenn ich sie fotografiere, stehe ich im Schatten. Ich betrachte mich eigentlich nicht als Studio-Fotografin - es war bloß dieser Moment, in dem sie zur Tür hereinkam."
Von höchster künstlerischer Qualität ist hingegen eines ihr jüngsten Werke, das sie 2007 fotografierte und für das sie nur natürliches Licht wählte: Die englische Queen Elizabeth II, fast etwas verloren ohne Krone im Buckingham Palace in London stehend. Wie diese beiden Bilder entstanden, beschreibt sie tagebuchartig, inklusive technischer Details, in ihrem Buch.
Weiters zu sehen sind die nackte, schwangere Demi Moore, der damals noch langhaarige Brad Pitt auf einem King-Size-Bett, Chris Rock, Jim Carrey und der Tänzer Michail Barischnikow in einer fast zärtlichen Hebefigur mit seinem Tanzpartner Rob Besserer am Strand.
Doch die wirklich interessanten Bilder sind die Familienporträts von Annie Leibovitz. Die Bilder ihrer neugeborenen Töchter, sie selbst als Schwangere, Mutter und Vater in Badeanzügen in ihrem Ferienhaus. "In der Rückschau merkte ich, dass diese Bilder einen Kreis bilden - Geburt und Tod, Familie und Freunde."
Ein sehr persönliches Buch, mit fast allen legendären Fotografien und vielen interessanten Texten von Annie Leibovitz, die in bildhaften Anekdoten die Entstehung eines Fotos beschreiben.
(Monika Vanecek-Pelz)
Info:
Annie Leibovitz - At work
Schirmer/Mosel
Mit Texten der Photographin,
240 Seiten, 119 Farb- und Duotone-Tafeln, 106 farbige Illustrationen
Format: 18,3 x 24 cm, gebunden. Deutsche Ausgabe, € 46



